Die Werkstatt liegt hinter einer Tür, die man leicht übersieht. Zwei Stufen hinunter, ein Vorhang aus schwerem Stoff, dahinter ein Raum von vielleicht zwölf Quadratmetern. Es riecht nach Öl und altem Papier. An der Wand hängen dreiundzwanzig Uhren, und alle gehen unterschiedlich.
Das sei Absicht, sagt der Mann am Werktisch. Wenn alle gleich gingen, würde er nicht hören, wenn eine stehen bleibt.
Zweiundvierzig Jahre hat er in diesem Raum gearbeitet. Er hat ihn 1983 übernommen, von einem Meister, der ihm nichts erklärte, was man auch selbst herausfinden konnte. Der erste Satz an ihn habe gelautet: „Setz dich hin und schau zu." Der zweite kam drei Wochen später.
Ein Brief mit vier Wochen Frist
Im vergangenen Frühjahr lag ein Schreiben der Stadtverwaltung im Briefkasten. Die Straße werde grundhaft saniert, hieß es darin, das Gebäude sei betroffen, die Erdgeschossflächen würden neu geordnet. Er möge sich innerhalb von vier Wochen äußern, ob er an einer Ersatzfläche interessiert sei.
Vier Wochen. Für eine Entscheidung, die er seit vierzig Jahren nicht getroffen hatte, weil sie sich nie gestellt hatte.
Ich habe den Brief dreimal gelesen und dann in die Schublade gelegt. Danach habe ich eine Uhr repariert, die seit Wochen liegen geblieben war. Das hat geholfen.
Die angebotene Ersatzfläche lag am Rand eines Gewerbegebiets, mit Parkplatz und größerem Schaufenster. Betriebswirtschaftlich sei das die bessere Lösung gewesen, sagt er. Er habe sie sich angesehen, sei durch den leeren Raum gelaufen und habe gemerkt, dass er dort nicht hören würde, wenn eine Uhr stehen bleibt.
Was ein Ort mit einem Beruf macht
Es gibt eine Vorstellung davon, dass Handwerk ortsunabhängig sei. Werkzeug einpacken, woanders auspacken, weitermachen. Bei genauerem Hinsehen stimmt das selten.
Kundschaft, die über Jahrzehnte gewachsen ist, kommt nicht mit, wenn der Weg fünfzehn Minuten länger wird. Die Frau, die zweimal im Jahr die Uhr ihres Vaters bringt, kommt vorbei, weil sie ohnehin in der Straße ist. Fällt der Anlass weg, fällt oft auch der Besuch weg.
Er habe das lange unterschätzt, sagt er. Als junger Mann habe er geglaubt, es komme nur auf die Arbeit an. Heute wisse er, dass eine Werkstatt auch ein Versprechen ist: Hier ist jemand. Hier war schon immer jemand.
Die Entscheidung
Nach drei Wochen rief er bei der Stadt an. Er habe gefragt, ob es möglich sei, während der Bauzeit im Gebäude zu bleiben — mit Staub, mit Lärm, mit allem, was dazugehört. Die Sachbearbeiterin habe zunächst gezögert und dann zurückgerufen.
Es war möglich. Nicht als reguläre Lösung, sondern als Ausnahme, mit einer Vereinbarung über acht Monate und einer Klausel, die er selbst als „nicht besonders freundlich" bezeichnet. Er hat unterschrieben.
Acht Monate Baustelle
Die Sanierung begann im Juli. Seitdem arbeitet er zwischen Gerüsten. An manchen Tagen ist der Zugang nur über eine Holzrampe möglich. Zwei Stammkunden sind nicht mehr gekommen, sagt er, und er verstehe das.
Dafür kommen andere. Eine Nachbarin bringt seit dem Sommer regelmäßig Kaffee vorbei. Ein Vater kam mit seinem Sohn, weil der wissen wollte, wie eine mechanische Uhr funktioniert. Der Junge sei zwei Stunden geblieben.
Wenn ich in das Gewerbegebiet gezogen wäre, hätte niemand gewusst, dass es mich noch gibt. Hier stolpert man über mich.
Was danach kommt
Die Frage, die er sich am längsten nicht gestellt hat, ist die nach dem Ende. Er ist siebenundsechzig. Ein Nachfolger ist nicht in Sicht; die nächste Uhrmacherschule liegt weit weg, und die wenigen Absolventen gehen zu Herstellern, nicht in eine Werkstatt hinter einem Vorhang.
Er sagt, er habe aufgehört, darüber nachzudenken, wie es weitergeht, wenn er nicht mehr da ist. Stattdessen denke er darüber nach, wie es weitergeht, solange er da ist. Das sei eine kleinere Frage, und sie lasse sich beantworten.
Am Ende des Gesprächs steht eine der dreiundzwanzig Uhren still. Er steht auf, ohne die Unterhaltung zu unterbrechen, öffnet das Gehäuse, dreht etwas, schließt es wieder. Die Uhr läuft weiter. Er setzt sich hin und sagt, das sei eigentlich alles.






