Das Schild ist handgemalt. „Bibliothek", darunter kleiner: „Klingeln nicht nötig". Die Tür steht offen, auch im Winter, auch wenn niemand da ist.

Dahinter: eine ehemalige Feuerwehrgarage, ausgeräumt, gestrichen, mit Regalen an drei Wänden. Etwa viertausend Bücher, grob sortiert. Ein Ofen. Zwei Sessel, die nicht zusammenpassen.

Wie es anfing

Vor elf Jahren löste eine Kreisbibliothek zwei Zweigstellen auf. Es gab eine Liste von Beständen, die abgegeben werden sollten, und eine Anfrage an die Gemeinden, ob Interesse bestehe.

Der damalige Ortsvorsteher antwortete mit „Ja" — nach eigener Aussage, weil er die Anfrage so verstand, dass es um einzelne Kisten ging. Geliefert wurden achtzehn Paletten.

Wir standen davor und wussten nicht, wohin damit. Die Garage war das Einzige, was leer war.

Der Betrieb

Es gibt keine Ausleihfristen, keine Mitgliedschaft und keine Aufsicht. Wer ein Buch mitnimmt, trägt es in ein Heft ein, das auf einem Tisch liegt. Wer eines zurückbringt, streicht die Zeile durch.

Nach elf Jahren fehlen laut Heft neunzehn Bücher. Bei viertausend Bänden entspricht das einer Quote, von der städtische Bibliotheken nur träumen können.

  • Rund viertausend Bände, überwiegend Belletristik und Sachbuch
  • Geöffnet rund um die Uhr, kein Personal
  • Ausleihe über ein Heft, keine Ausweise
  • Heizung von Oktober bis April, betrieben von wechselnden Nachbarn

Warum es funktioniert

Es gibt keine anonyme Nutzung. In einem Ort mit vierzig Einwohnern weiß man, wer die Tür aufgemacht hat. Diebstahl ist nicht unmöglich, aber sozial teuer.

Dazu kommt etwas anderes. Die Bibliothek ist nicht nur ein Ort für Bücher. Sie ist der einzige beheizte Raum im Dorf, den man ohne Anlass betreten kann. Es gibt keinen Laden, keine Kneipe, keine Kirche mit regelmäßigen Öffnungszeiten.

Seit drei Jahren kommen auch Auswärtige. Radfahrer, die von der Route abweichen, weil jemand die Bibliothek in einer App eingetragen hat. Das Heft verzeichnet Einträge aus sieben Ländern.

Der heutige Ortsvorsteher sagt, man habe nie beschlossen, eine Bibliothek zu betreiben. Man habe nur nie beschlossen, damit aufzuhören.